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Reforest

Adam Man


Ein Jahr lang gingen wir – ich, Judith Hamann (Sound Artist) und Michiyasu Furutani (Tänzer, Künstler), kurz: Furu, immer wieder zusammen in denselben Wald. Wir lernten die Umgebung kennen und nahmen sie auf – mit unseren Sinnen und auf Video und Audio. Aus unserer Beziehung zum Wald bauten wir langsam einen Raum aus Klängen, Bildern, Sprache, Bewegung und Objekten. Das Stück Reforest hatte im Dezember 2025 im brut in Wien Premiere.

Reforest im brut
Interview mit Adam Man in skug
Interview mit Adam Man in Les Noveaux Riches



Prozess

Im November 2024 gehen wir zum ersten Mal in den Wald. Wir haben vereinbart, dass jede*r von uns sich auf die Umgebung bezieht und wir nichts verfolgen: keine besonderen Schwerpunkte, keine Ziele, keine Ideen. Die ersten Tage gehen wir schweigend; ich – der einzige von uns, der den Wald kennt, weil es der im Dorf meiner Großeltern ist – halte mich zurück und gehe nicht voran. 

Wir gehen in den nächstgelegenen Wald, den, den wir vom Haus, in dem wir wohnen, sehen und zu Fuß in einer Viertelstunde erreichen. Und wir gehen immer in dasselbe Stück Wald, wir dehnen unser Gebiet über das Jahr nicht aus; wir gehen tiefer in es hinein. 

Während der gemeinsamen Zeit streifen wir durch den Wald. Wir lassen uns anziehen von Orten und Objekten: von Lichtungen, Steilhängen, Falten im Berg, Höhlen; von Baumstümpfen, moosbewachsenen Stämmen, aufragenden Wurzeln, Knochen, Flechten und weichen Felsen. An manchen Stellen bleiben wir länger und kehren immer wieder. Sie werden Bezugspunkte. 

Wir treffen einander nach dem ersten Aufenthalt im November wieder im Februar und dann im Juni, Juli, August, schließlich noch im Oktober und wieder im November. Nach und nach bringen wir Sounds, Bewegungen, Holzfragmente, Knochen, Worte, Videos zum Haus, in dem wir wohnen und in den Raum, in dem wir arbeiten.

Im Sommer beginnen wir mit ersten Skizzen, verteilen das, was wir gefunden haben, im Raum. Jetzt denke ich, wir haben die Arbeit, das Stück, in diesem Moment gepflanzt. Und tatsächlich liegen im Raum von Reforest viele Dinge auf dem Boden.

Von Juni bis Oktober gehen wir vom Wald in den Raum, der langsam zu Reforest wird, und wieder zurück. Wir arbeiten an den Bildern, den Klängen, den Bewegungen, den Texten, den Objekten. Neues kommt aus dem Wald dazu und wächst mit dem, was schon da ist, zusammen, verändert es.

Die Räumlichkeit des Waldes: seine Verbindung von unten und oben, seine Hybridität aus menschlichem Eingriff und Spontaneität, seine Heterogenität aus verschiedenen Böden und Lichtstimmungen, seine Bewegtheit durch Wind und Wetter schaffen das Stück.



Stück

Nach einem Jahr, im Dezember 2025 zeigen wir Reforest im brut in Wien. Was für ein Raum ist es, frage ich mich nach einer der letzten Proben, der da entstanden ist aus unserem Kontakt mit dem Wald für eine Begegnung mit anderen?

Das brut nordwest ist eine Industriehalle, in deren Mitte eine große Black Box steht. Drumherum gibt es viel Platz. In diesem Umraum beginnt Reforest: eine Bodeninstallation aus Objekten und Video im Eingangsbereich, ein Setting für eine Lesung auf der Höhe des Eingangs in die Black Box.

Das Stück fängt an mit einem Vorspiel im Bereich der Lesung: Furu bespielt den dort aufgestellten Tisch mit kleinen Plastiktieren, die wir im Haus gefunden haben. Wenn er nach ein paar Minuten aufsteht und weggeht, übernehme ich seinen Platz und lese aus dem Journal, das ich das Jahr über geführt habe. Neben mir ist ein Foto an die Wand projiziert, es zeigt den Wald vom Haus aus.

Die Auszüge aus dem Journal erzählen vom Wald und unserer Beziehung zu ihm. Immer wieder kommt das Haus vor und der Weg vom Haus in den Wald und die Grenze zwischen den beiden. Der Text endet so, dass er den Übergang provoziert vom Vorraum der Lesung in den Reforest Raum im Inneren der Black Box. Die Leute gehen hinein.

Die Black Box ist vollständig verwandelt: die unbestuhlte Tribüne, die ganze Bühne und auch noch über sie hinaus durch einen offengelassenen Vorhangspalt der hinter ihr gelegene Raum. Am Boden sind Kohle- und Kreidezeichnungen platziert, mit Forstspray und Baumschaum bearbeitete Holzobjekte, eine Installation aus in Baumzaun gehüllten Leuchtstoffröhren hängt von der Decke, zwei große Leinwände fassen einander schräg gegenüber den Raum ein, Knochen liegen als fragile Bodenskulptur da und mitten unter ihnen steht ein 3D-Drucker, der einen Schädel druckt, der aussieht wie der aus Knochen auf einem schwarzen Kreis auf einem weißen Blatt direkt neben ihm. Ein anderer schwarzer Kreis hängt von der Decke, an seiner Rückseite ist ein pinkes Kreuz. Draußen, hinter dem Vorhang, steht eine Bank und vor ihr zwei große Rindenstücke, gewölbt und nach oben offen. Sound kommt aus vier Kanälen, lokalisiert Geräusche, markiert Orte – eine aus dem Hören auf den Wald kommende Komposition von Judith als Soundtrack für den Raum.

Die Leute bewegen sich überall, schauen sich die Bilder und die Objekte an; am Anfang, die ersten paar Minuten gehen sie schnell von einem Ort zum anderen, die meisten wollen erst mal alles sehen, bleiben nur kurz bei einzelnem stehen. Dann wird es ruhiger, einige setzen sich, andere bleiben stehen und manche schlendern langsam.

Irgendwann richtet sich die Aufmerksamkeit mehr und mehr auf Furu, der aus dem Publikum heraus, zunächst Teil von ihm, sich immer präsenter bewegt, bis er auf der Tribüne – ganz unten in der Ecke – sehr langsam zu tanzen beginnt. Die Szene entfaltet sich von diesem äußersten Punkt der Tribüne mit ihren Zeichnungen, Objekten und Zuschauer*innen quer über die ganze Fläche hinweg und über sie hinaus. Aus der Langsamkeit wird Aktivität und Interaktion mit den Objekten bis hin zu einem Walzer mit einem abgebrochenen Stamm.

Furu kehrt wieder zurück ins Publikum, davor berührt er einen alten Globus, der Teil der Installation ist. Das Geräusch der Erdachse, die beim Drehen wimmert, leitet die sich steigernde Intensität des Sounds im Raum ein und die Bilder auf den beiden Screens treten in den Mittelpunkt. Sie zeigen einen verwundeten Wald, gefilmt mit einer Handkamera, die den Bäumen schmerzhaft nahe kommt.

Irgendwann bemerkt das Publikum Furu im Bereich der am Boden installierten Knochen und des Druckers. Sie sehen ihn zuerst langsam zu den Dingen gehen, sie anschauen, sich dann irgendwann hinsetzen und hinlegen. Nach einem langen Übergang, einer Annäherung, liegt Furu neben den Tierknochen, die wir im Wald gefunden haben und neben anderen, die wir mit dem Drucker nachgemacht haben. Zwischen Maschine, Mensch und Tier, zwischen der einen und der anderen Reproduktion, zwischen Tod und Lebendigkeit und Funktionieren fängt Furu an, sich zu bewegen. Judith kommt dazu und spielt auf dem Cello. Zwischen ihren Klängen und Furus Bewegungen entsteht ein Raum der Nähe, der Vertrautheit und der Offenheit. Tanz und Klang sind eigenständig und einander zugewandt.

In der Live-Performance als Schluss und Höhepunkt des Stücks verdichtet sich die zusammen verbrachte Zeit. Sie zeigt sich dem Publikum da, wo wir eine bestimmte Zeit alle sind: zwischen dem intimen Spiel der Elemente und der Weite des Raums.




Zukunft

Reforest zeigt unseren Bezug zu dem Wald, den wir ein Jahr lang besuchten und kennenlernten. Es offenbart darin auch uns – unsere Verletzlichkeit, Trauer, Wut, Zuneigung. Diese Zustände durchleben auch die Leute, die Reforest besuchen: Sie gehen durch eine sich in ihrer Atmosphäre und Choreographie der Bewegungen aller stetig verändernde Landschaft. Reforest vertraut den Besucher*innen, lässt sie da sein. Es ist ein Raum geteilter Gefühle.

In der Zeit, die wir zusammen mit dem Wald verbrachten, ist eine Art des Arbeitens entstanden, die ebenso streng wie offen ist: ein präziser Umgang mit der Umgebung und dem von ihr überlassenen Material, das seinen Bezug behält; eine Offenheit, die ebenso wach wie beiläufig ist und dem vertraut, was eine*n bewegt – zu dem hin, was von sich aus gesehen werden will.

Heute denke ich, wir suchen die Zukunft im Wald wie einen Schatz., heißt es in dem Text, den ich zu Beginn des Stücks lese. Reforest ist ein Stück, das mir zeigt, wie weiter arbeiten, Kunst machen: in der Offenheit der Bezüge und Gefühle. Mit Reforest habe ich gelernt, dass das, was gleichberechtigt miteinander da sein will – Menschen, Dinge, Klänge, Bewegungen, Worte, Bilder – sich nicht in sich verschließen darf. Was perfekt sein will für sich, wird unfrei und einsam.

Reforest als live Environment und Raum für Teilnahme lässt einen Sinn für die Zukunft entstehen: dass wir nicht aufgeben zu versuchen zusammen da zu sein.